“Es war eine große persönliche Bereicherung”

Die Bürgerstiftung lud erneut zur Veranstaltungsreihe „Ostfilderner Portraits“ ein. Sie wird gemeinsam mit der Volkshochschule, der Musikschule und in diesem Fall der Evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde Parksiedlung veranstaltet. Gäste waren die Mitarbeiterinnen des Ökumenischen Arbeitskreises in der Parksiedlung, Pia Balle, Irene Feucht und Ruth Müller. Musikalisch wurde die Veranstaltung umrahmt durch ein Streichquartett der Musikschule Ostfildern.  

Der Ökumenische Arbeitskreis wurde 1970 unter maßgeblicher Beteiligung der drei Damen zusammen mit den beiden Kirchengemeinden gegründet und hat sich sehr verdient gemacht um die Eingliederung der Aussiedler in die Bürgerschaft der Parksiedlung. Sie berichteten über die jahrzehntelange bürgerschaftliche Arbeit in der Parksiedlung.  

Grundlage und Motivation für ihre Arbeit war das Übergangswohnheim in der Parksieldung, welches sich seit 1959 in der Gerhart-Hauptmann-Straße 97 bis 105 befunden hatte. Nach außen hin war kaum bekannt, welche Zustände und familiären Probleme in diesem als „Lager“ bezeichneten Wohnheim herrschten. Hier wohnten bis zu 300 Menschen, deutsche Aussiedler aus der Sowjetunion, Jugoslawien, Rumänien, Schlesien, Ostpreußen und der DDR. In der Regel wohnten drei Familien in einer Wohneinheit, pro Familie gab es einen Wohnraum, Küche und Waschräume wurden gemeinschaftlich genutzt. Die Bürger beschlossen daher, die Missstände zu beheben und den Menschen zu helfen.

Die beiden Kirchengemeinden riefen einen Informationsabend ein, zu dem sich 60 Frauen gemeldet hatten, 40 waren dann auf Anhieb in der Initiative dabei. „Fast alle sind 30 Jahre lang dabei geblieben“, betonte Ruth Müller. Anfangs ging es vor allem um Sachspenden, später half der Arbeitskreis vor allem bei Behördengängen und auch bei der Kinderbetreuung. Jeder Familie wurde eine Patin zugeordnet, sodass über diesen Weg viele familiäre Nöte zum Vorschein kamen, aber auch enge Freundschaften entstanden. Eine Kleiderkammer wurde eingerichtet. Es gelang auch eine ehrenamtliche Schülerbetreuung und Hausaufgabenhilfe in der Lindenschule, und sogar eine Förderklasse in Eigenregie. 

Auch die Unterstützung in Behördengängen, zum Arbeitsamt und gar zu den Botschaften gehörte zu den Aufgaben der Arbeitskreismitglieder. „Eine gewisse Änsgtlichkeit hat man bestimmt abgelegt“, erklärte augenzwinkernd Irene Feucht auf die Frage, ob die Frauen durch die Erfahrungen mit Behörden auch selbst viel fürs Leben gelernt hätten. Inzwischen haben viele der Betroffenen ihre neue Heimat in Ostfildern gefunden. Der Arbeitskreis hat sehr wesentlich zu Integration dieser Familien beigetragen. Auch die Damen selbst haben durch ihre ehrenamtliche Arbeit viel fürs Leben mitgenommen, „es war eine große persönliche Bereicherung“, so Pia Balle.   

Pia Balle, Ruth Müller und Irene Feucht (v.l.n.r.) unterhielten informativ und amüsant den vollen Saal im evangelischen Gemeindehaus. Fotos: Galic