„Zusammen mit den Bürgern sind wir noch klüger“

Der Quartiersentwicklungsprozess „Gutes Älterwerden in Nellingen“ ist gestartet. Bei der Auftaktveranstaltung hat Prof. Andreas Kruse zum Thema „Sorgende Gemeinschaften – die Chance für ein gutes Älterwerden“ referiert.
Die Würde des Menschen ist unantastbar – so heißt es im ersten Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Mit der Würde sei es aber so eine Sache, erläuterte der Alternsforscher Andreas Kruse, Professor an der Universität Heidelberg bei der Auftaktveranstaltung des Pilotprojektes „Gutes Älterwerden in Nellingen – wir gestalten unsere Zukunft“. Die Verwaltung, die Bürgerstiftung Ostfildern und die städtische Sanierungs- und Entwicklungsgesellschaft (SEG) ermuntern mit diesem Quartiersentwicklungsprozess die Bürger, selbst mitzugestalten, wie sie im Alter gut in ihrer Stadt leben können. Ein Ziel ist es unter anderem, eine ambulant betreute Senioren-Wohngemeinschaft zu gründen. Die Rahmenbedingungen für eine solche Einrichtung und ein Stadtteilkonzept sollen bis Weihnachten an vier Bürgertischen erarbeitet werden.
„Die Würde setzt sich, wie vom italienischen Renaissance-Philosophen Pico della Mirandola formuliert, aus drei Komponenten zusammen“, erklärte Kruse in seinem Vortrag mit dem Titel „Sorgende Gemeinschaft- die Chance auf ein gutes Älterwerden in Nellingen“. Da ist die Freiheit – allerdings nicht in dem Sinne, sich die Welt untertan zu machen. Mirandolas Freiheitsverständnis hat eine weitere Facette: für ihn begründet sich Freiheit nicht nur auf Bewegungs- und Handlungsfreiheit, nicht nur auf der Freiheit zur Selbstverwirklichung , sondern auch auf das eigene und selbstständige Denken. Daraus leite Mirandola die beiden anderen Grundvoraussetzungen, die Selbst- und die Weltgestaltung, ab. „Wenn diese drei Komponenten gegeben sind, erst dann verwirklicht sich Würde“, sagte Kruse.
Zusammenleben mitgestalten
Die Stadt Ostfildern sei mit ihrem Pilotprojekt auf einem guten Weg. „Zusammen mit der Bürgerschaft ein Konzept zu entwickeln, wie das Zusammenleben der Generationen funktionieren kann, gibt jedem Bürger das Gefühl, selbst etwas beitragen zu können. Dieses Angebot kann man nicht hoch genug einschätzen“, meinte der Professor mit Blick auf das Ansinnen der Verwaltung, der Bürgerstiftung Ostfildern und der städtischen Sanierungs- und Entwicklungsgesellschaft (SEG), die auf rege Bürgerbeteiligung bei ihrem Quartiersentwicklungsprozess „Gutes Älterwerden in Nellingen – wir gestalten unsere Zukunft“ hoffen.
Die Frage „Wie gehen wir mit Älteren um?“ hält der Wissenschaftler für sehr bedeutsam mit Blick auf die Bemühungen, Ältere selbst in das Gemeinwesen miteinzubeziehen. „Mit dem Austritt aus dem Erwerbsleben, denken viele Menschen, dass sie keine Möglichkeit mehr haben, in die Gestaltung des Gemeinwohls miteinbezogen zu werden“, berichtete Kruse aus seiner Forschung. Menschen das Gefühl zu geben, gebraucht zu werden, sei elementar. Vor allen Dingen, da Studien belegten, dass mit zunehmendem Alter die Erfahrung, Teil eines Gemeinwesens zu sein, immer wichtiger werde. „Kontakte zu haben ist mit 75 oder 80 Jahren keine Selbstverständlichkeit mehr. Aber in einem Quartier trifft man immer Menschen, die Kontakte bleiben und es entsteht das Gefühl, wichtig zu bleiben“., erläuterte der renommierte Gerontologe.
Der in Ostfildern aufgegriffene Quartiersgedanke und vor allem seine nun anstehende Weiterentwicklung aus der Bürgerschaft heraus, ist für Professor Kruse ein Paradebeispiel, wie die Würde des Einzelnen in einer Gesellschaft gelebt werden könnte: „Der Begriff der Würde an sich ist abstrakt und wird erst in den sozialen Beziehungen lebendig. Wenn eine Kommune wie Ostfildern sagt, wir sind klug, aber zusammen mit den Bürgern sind wir noch klüger, ist das eine wunderbare Verwirklichung unseres demokratischen Gedankens.“
Bürgertische: Die vier Bürgertische, die unterschiedliche Schwerpunkte zur Quartiersentwicklung „Gutes Älterwerden in Nellingen – wir gestalten unsere Zukunft“ bearbeiten sollen, finden ab Montag, 17. September bis Anfang Dezember jeweils an fünf Terminen statt. Moderatoren begleiten die Diskussionen und unterstützen die Teilnehmer bei der Erarbeitung ihrer Konzepte.
Anmeldung bis Montag, 10 September bei Jasmin Hirsch, 0152-071 107 45, quartiersentwick-lungnellingen@gmx.de, BSO Iryna Claß, 0711 – 3404 219, Gabriele Beck, 0711 442070, leitstelle@ostfildern

                                                                                                                               Bericht von Kerstin Dannath

                                                               Alle Fotos von Paul Petersen